Duplex Stefan Hämmerle - Nachhaltigkeit Regional torrobuch · Stefan Hämmerle · Autor

Neu-Ulm, 24. Januar 2018

„Stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch"

Projekt: Insekten Lebensraum zurückgeben

Der Landkreis Neu-Ulm soll aufblühen. Geplant ist, möglichst zahlreich artenreiche Wildblumenwiesen anzusäen, damit die stark bedrohte heimische Insektenwelt wieder mehr Lebensräume erhält.
Das Projekt „Blühende Landschaft durch artenreiche Wildblumenwiesen“ geht vom Fachbereich „Naturschutz und Landschaftsplanung“ des Neu- Ulmer Landratsamts aus.
Fachbereichsleiter Michael Angerer, von dem die Idee stammt, rührt dafür seit einigen Wochen kräftig die Werbetrommel: Bei der Kreisversammlung der Obst- und Gartenbauvereine am 16. November
vorigen Jahres hielt er einen flammenden Fachvortrag. Im Dezember hat er alle 17 Städte, Märkte und Gemeinden im Landkreis angeschrieben.
Ins Auge gefasst hat der Fachmann vor allem Grünstreifen, Weg- und Straßenränder, Feldraine,
ökologische Ausgleichssowie Biotopverbundflächen. Bereits von sieben Kommunen
hat Angerer positive Rückmeldungen erhalten; sie sind bereit, Flächen zur Verfügung zu stellen und diese zu betreuen. Im April/Mai 2018 soll mit der Einsaat der ersten Wildblumenwiesen begonnen werden. Im Herbst 2018/Frühjahr 2019 ist vorgesehen, auf weiterem Land entsprechendes Saatgut
auszusäen. Michael Angerer denkt dabei auch an die Außenanlagen der landkreiseigenen Schulen: Gymnasien, Realschulen und berufliche Schulen.
Dass Handlungsbedarf besteht, daran lässt der Experte vom Landratsamt keinen Zweifel. Er führt Untersuchungen an, wonach von den 560 Wildbienenarten, die in Deutschland vorkommen, 41 Prozent als bestandsgefährdet gelten. Die Zahl der Schmetterlinge sei in Europa seit 1990 um 25 Prozent
zurückgegangen, mancherorts sogar um 40 Prozent.
Die Gründe dafür sind vielschichtig: der Verlust geeigneter Lebensräume für die Insekten, etwa durch die grassierende Flächenversiegelung; der zunehmende Anbau von Monokulturen (zum Beispiel Mais); die Behandlung von Saatpflanzen mit Insektenschutzmitteln, vor allem so genannten Neonicotinoide (NNIs), die als Nervengifte wirken.
Und auch der Klimawandel dürfte einen negativen Einfluss auf die Insektenpopulation haben. Michael Angerer zitiert Albert Einstein: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr. So weit dürfen wir es nicht kommen lassen!“, fordert der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. Michael Angerer und Katrin Alings

Von Michael Angerer (links), dem Leiter der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Neu-Ulm, stammt die Idee für das Projekt 'Blühende Landschaft durch artenreiche Wildblumenwiesen'. Seine Mitarbeiterin Katrin Alings (rechts) kümmert sich in Zusammenarbeit mit den kreisangehörigen Kommunen um die konkrete Verwirklichung vor Ort. Beide präsentieren auf dem Bild das Saatgut für das Insektenschutzprogramm. Foto: Jürgen Bigelmayr/Landratsamt Neu-Ulm

 

Weitere Infos auch unter: http://www.landkreis.neu-ulm.de

Augsburger Allgemeine, 19.Dez. 2017

 

Das NaturDorf


Umwelt Die meisten Gemeinden wollen möglichst viel Gewerbe ansiedeln.
Das unscheinbare Kettershausen im Unterallgäu verfolgt ein ganz anderes Ziel

Kettershausen Kettershausen ist ein eher unscheinbarer Ort mit einer Kirche, aber ohne Zentrum, geplagt vom Verkehr der stark befahrenen B300. Der Metzger hat geschlossen, das Nötigste – auch Obst und Gemüse – gibt es zu kaufen. Doch der Ort im Unterallgäu will in den nächsten Jahren von sich reden machen. Kettershausen mit seinen rund 1850 Einwohnern hat sich nämlich ein Ziel gesetzt: Es will „Natur-Gemeinde“ werden. Ein Titel, den es bislang in Bayern nicht gibt. Ein Titel, den sich die Gemeinde selbst geben will. Ein Titel, mit dem die Verantwortlichen im Rathaus zahlreiche Maßnahmen zum Schutz der Natur rund um Kettershausen verbunden haben, vor denen selbst anerkannte Naturschützer den Hut ziehen. Anton Burnhauser, der bei der Regierung von Schwaben über drei Jahrzehnte für den Natur- und Artenschutz kämpfte, hofft, dass viele andere dem mutigen Beispiel folgen. Während die meisten Gemeinden also möglichst viel Gewerbe anlocken wollen, setzt Kettershausen voll auf die Natur.
Bei der letzten Kommunalwahl bekam der Ort eine neue Bürgermeisterin: Susanne Schewetzky (CSU), hauptberuflich Kulturreferentin der Stadt Illertissen. Und einen nahezu komplett erneuerten Gemeinderat. Zu zwei Altgedienten kamen zehn Neue.
In ihre Aufgaben haben sie mithilfe von Klausurtagungen und Workshops gefunden.
Es ging darum, ihre Heimat zukunftsfähig zu machen. Der Gemeinderat unternahm eine Exkursion in die „Biodiversitätsgemeinde Tännesberg“ in der Oberpfalz, auch sie ist einmalig in Bayern. „Wir müssen uns nicht verstecken, sagt die Bürgermeisterin. Sie hat in München Geisteswissenschaften studiert und ist vor acht Jahren nach Kettershausen zurückgekehrt.
Ihre Heimat bedeutet ihr viel. Sie ist kein Stadtmensch und sieht heute bei einem Spaziergang im Günztal vieles mit anderen Augen. Kettershausen hat großes Potenzial, ist die Bürgermeisterin überzeugt. Unter anderem verfügt der Ort über ein großes Naturschutzgebiet, das Kettershauser Ried, mit artenreichen Orchideenwiesen im Frühjahr und Lebensraum für totholzliebende Tiere und Pflanzen. Die Gemeinde besitzt außerdem einen großen entwicklungsfähigen Kommunalwald

KettershausenUnd nun kommt eine Naturschutzstiftung ins Spiel, ein idealer Partner für die ambitionierte Gemeinde. Die Stiftung KulturLandschaft Günztal mit Sitz in Ottobeuren. Für ein innovatives Grünlandprojekt wurde sie von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit Geld ausgestattet. Zwölf Landwirte konnten 2017 zur Mitarbeit gewonnen werden. Die Resonanz war überwältigend, sagt Projektbetreuer Sebastian Hopfenmüller.
Entlang der Gewässer wurden 2,8 Kilometer Randstreifen angelegt und Heuwiesen mit Blühmischungen eingesät. Ein Meilenstein für die Artenvielfalt im Günztal. Auf einer extensiv genutzten Weide steht Original Braunvieh, eine alte wiederbelebte Allgäuer Rasse. Ein großer Acker wird auf Privatinitiative bald aufblühen.
Die Gemeinde war sich schnell einig mit der Stiftung, die sich dem Lebensraum Günztal unter dem Motto „Biotopverbund von der Quelle bis zur Mündung“ verschrieben hat. Und sie nahm Geld in die Hand. Pro Jahr stehen jetzt 10 000 Euro für die Anlage von Randstreifen, Heuwiesen, Saumzonen und die Ansaat mit artenreichen Blühmischungen zur Verfügung.
Das Interessante für die Bauern: Sie haben eine private Vereinbarung und sind nicht an starre staatliche Förderprogramme gebunden. Der Einsatz für die Natur erfolgt ohne Zwang. In Absprache mit der Gemeinde können die Flächen auch drei Tage früher gemäht werden, wenn es das Wetter erfordert. Zudem hat die Gemeinde-Orchideenwiesen im Frühjahr und Lebensraum für totholzliebende Tiere und Pflanzen. Die Gemeinde besitzt außerdem einen großen entwicklungsfähigen Kommunalwald.

Zudem hat die Gemeinde ein Planungsbüro mit einem umfassenden Vitalitätscheck der Infrastruktur beauftragt. Es sollen keine neuen Flächen verbraucht, keine Gewerbegebiete ausgewiesen, sondern es soll das vorhandene Potenzial genutzt werden. Ein Augenmerk richtet sich auf ältere Gebäude und eine zeitgemäße und zukunftsfähige Nutzung. Schewetzky freut sich über den Gestaltungsspielraum. Mit ihrem „jungen“Gemeinderat setzt die 40-Jährige auf die Dorferneuerung, die in den nächsten Jahren starten soll. Das Dorfleben soll angekurbelt und der Erlebniswert erhöht werden.

Ein brennendes Thema ist die B 300. Die Verkehrsachse Augsburg-Memmingen ist eine große Belastung für die Anwohner. Bei einem Termin mit der Obersten Baubehörde soll ausgelotet werden, ob eine Verengung der Bundesstraße Entlastung bringen könnte.

Landrat Hans-Joachim Weirather (Freie Wähler) lobt die Bürgermeisterin und den Gemeinderat. Das Unterallgäu ist ein landwirtschaftlicher Brennpunkt: Die fruchtbaren Böden und die Niederschläge ermöglichen sechs Schnitte im Jahr. Das geht zu Lasten der Artenvielfalt. In Weirathers Jugend waren es drei bis vier. Die Folge: „Der Löwenzahn blüht und sonst nichts mehr.“ Umso wichtiger sei es, dass es in der Günz-Aue eine naturverträgliche Landwirtschaft gibt und sich bald wieder Blumenwiesen mit Blutströpfchen ausbreiten und man Zitronenfalter fliegen sieht.

»VON DOROTHEA SCHUSTER

http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern

 

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